Gastpost

Gastpost - (Schein-) Liebe macht blind

22:23:00

Darum verlass dich auf die Stimmen, die du gar nicht hören willst.

Verlieben, Fehler machen, sich bewusst werden und schämen, Moralpredigten anhören, einen Zusammenbruch erleiden und alle enttäuschen – davon handelt dieser Beitrag. Ich habe eine Erfahrung gemacht, vor der weder naive Mädchen noch erfahrene Frauen geschützt sind. Auch ich dachte, dass ich sehr objektiv und weitsichtig sei. Doch obwohl ich die Geschichten von anderen immer sehr lächerlich fand, traf es mich selbst, veränderte und zerstörte mich ein Stück weit.

Vor einigen Jahren hatte ich eine Beziehung, die ziemlich überstürzt begann. Eine Internetbekanntschaft wollte mich besuchen kommen und ich willigte ein. Wochen später holte ich ihn vom Bahnhof ab. Er war eigentlich nicht mein Typ – das wurde mir jetzt schon bewusst - doch er hatte eine angenehme Wirkung auf mich.

Zu Hause saßen wir stundenlang bei mir auf dem Bett (WG-Leben eben) und unterhielten uns. Dann kam eins kam zum anderen und wir hatten Sex. Wer wissen möchte, wie sich schlechter Verkehr anfühlt: ich kann da jemanden empfehlen, der nicht mit seinem Penis umgehen kann. Zu tiefe, schnelle Stöße und er nahm einfach keine Rücksicht darauf, ob ich auch auf meine Kosten kam.
Der Rest vom Wochenende bestand darin, dass er mich Essen machen schickte, Computer spielte und mich links liegen ließ. Ich konnte ihn nicht dazu bewegen aus dem Haus zu gehen – er fand alles langweilig oder sinnlos.

Jetzt hoffen bestimmt alle, dass ich es bei diesem einen Wochenende belassen habe. Aber dem war nicht so. Zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl begehrt zu werden. Ich war lange Zeit schon Single. Und die Chance auf einen festen Freund macht eine Frau in bestimmten Situationen und Altersabschnitten blind und süchtig.

Es gab soooo viele Signale, die mich dazu hätten bringen sollen, keine Beziehung daraus werden zu lassen:

Ich hasste seine Figur und seinen Geruch. Ich hasste alles körperliche, was ich mit ihm hatte. Ich hasste seine Art, mich als selbstbewusste eigenständige Frau herum zu kommandieren. Ich verabscheute es, nichts mit ihm unternehmen zu können und, dass ich ihn bald meinen Eltern vorstellen musste, denn dummer Weise hatte ich bereits erzählt, dass ich einen festen Freund habe...

Er versicherte mir, dass er bisher immer gut bei seinen Schwiegereltern ankam. Ich hatte ein mulmiges Gefühl aber glaubte ihm das einfach mal. Und selbstverständlich ging es in die Hose. Er fiel allen ständig ins Wort und belästigte sie mit seinem Halbwissen. Er zerstörte mit seiner bloßen Anwesenheit die Atmosphäre meiner sehr aufgeschlossenen und (zu seinem Pech) gebildeten Familie. Und er wählte Gesprächsthemen, die sich bei den ersten Besuchen einfach nicht ziemen.
Ich musste auch feststellen, dass er keine Freunde hatte. Nur ein Zocker- und Stammtisch-Grüppchen, von dem ihn allerdings auch keiner auf Dauer ertragen mochte. Das Schlimmste aber war: er war mit seiner Perfomance zufrieden! Er überschätzte sich ständig selbst und was andere Menschen von ihm hielten, war ihm egal. Das gab er auch offen zu, als ich ihn darauf hinwies, wie er sich benahm.

Nachdem ich psychisch schon ziemlich zerstört war, folgten die Gespräche mit sämtlichen Vertrauten. Meine Eltern, Geschwister und Freunde suchten das Gespräch mit mir und machten alles nur noch schlimmer. Nie ließen sie mich in Ruhe – ich hatte entweder zu tun oder wurde belagert.

Das hatte die Folge, dass ich mich zurück zog und darauf beharrte ihn zu lieben…
…was ich rückblickend nie tat!


Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, obwohl ich in meinem kurzen Leben schon so viel Trauriges oder Extremes erleben musste. Eigentlich bin ich nicht nah am Wasser gebaut, aber in dieser Zeit schlief ich 2 Monate lang unter Heulkrämpfen und Schüttelfrost ein. Ich hatte das Gefühl mich entscheiden zu müssen: Meine Familie, die sich nach meinem Gefühl gerade gegen mich verschwört? Oder mein Freund, der zwar alles andere als perfekt ist, aber mich wenigstens spürbar liebt/begehrt? Es zerriss mich innerlich.

Ja, es tut weh, wenn du dir einbildest jemanden zu lieben und dann alle auf dich zukommen und dir ins Gesicht sagen, was für einen Vollpfosten du dir da angelacht hast. Dann stellen sie dir halb rhetorische Fragen, deren Antworten du dir schon vor Tagen oder Wochen selbst gegeben hast, aber die sie trotzdem noch einmal von dir hören möchten. Oft wissen deine Liebsten gar nicht, was in dir vor geht, weil du dich überfordert fühlst und dich deswegen verschließt. Aber sie lieben dich und hoffen, dass sie dir die Augen öffnen können. Und du? Du willst dich nicht blamieren und erst recht nicht zugeben, dass sie richtig liegen.

Die Moral aus der Geschichte:

HÖR AUF SIE! 

Lass es bitte nicht so weit kommen wie bei mir!
Wenn du dir selbst unsicher bist, wie du dich entscheiden sollst, wähle immer die, die dir seit deiner Geburt zur Seite stehen. Du zerstörst sonst dein Verhältnis zu deinen Vertrauten und es ist schwer oder gar unmöglich das wieder her zu stellen. Es bringt dir nichts, an jemandem fest zu halten, den du kaum kennst und vielleicht sogar innerlich total verabscheust.¬¬¬¬

Nach ca. drei Monaten Horror machte ich Schluss.
Als sein Auto um die nächste Hausecke verschwand, fielen mit einem Mal tausende Kilo Lasten von mir ab. Allerdings hatte ich das nächste Jahr das Gefühl vollkommen allein zu sein, weil ich auf niemanden gehört hatte – nicht einmal auf mich selbst. Alles, was ich fortan sagte hörte sich naiv und dumm an.

In meinem Fall ziehe ich aus diesem Erlebten mehr Erfahrung als ein anderer Mensch aus vielleicht 4 längeren Beziehungen. Ich bezeichne es als meinen Crashkurs. Ich schäme mich für mein jüngeres Ich – aber ich bin trotzdem froh, dass alles so gekommen ist.

Einen schönen Tag euch!



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